zurück




Erich Kasberger

Laudatio für Ulrich Schweiger zur Verleihung des Günther-Klinge-Kulturpreises
der Gemeinde Gauting am 20 Juli 2012


Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Ulrich Schweiger,

ich wollte wissen, was das allerweltskluge Netz auf die Frage hergibt: Wie werde ich Bildhauer?
Ich tippe die ersten drei Worte ein" Wie werde ich..." und schon hatte ich erste vorlaute Antworten:
"Wie werde ich: reich - schwanger - ihn los in zehn Tagen - Millionär - glücklich - schnell braun."
Nichts von dem, was die Existenz eines Bildhauers ausmacht. Erst das eigentliche Wort" Bildhauer"
brachte dann karge Auskunft und Ernüchterung: Hinweise auf eine dreijährige Steinbildhauerlehre mit
mäßigen Berufsaussichten oder auch die Antwort des freischaffenden Bildhauers Friedhelm Welge:
"Wie man Bildhauer wird? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, auf welch mühsamen Weg ich Bildhauer wurde."


Den direkten Weg zu Bildhauerei gibt es nicht. Es gibt nur die Summe der Erfahrungen auf dem Weg.
Der Bildhauer Helmut Ammann, mit dem Uli Schweiger über viele Jahre befreundet war, formulierte es in
einem späten Tagebucheintrag so:" Im Einverständnis sein heißt nichts Anderes als den Weg als Ziel erfahren,
sich mit ihm identifizieren. Darin liegt das ganze Geheimnis des Gelingens.


Zeichnet man in Stichpunkten die Biografie Uli Schweigers nach, so erweisen sich auch scheinbare Umwege
als Teil dieses Weges: Fünf Semester Studium der Philosophie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München,
die er rückblickend als "die andere Sprache der Bildhauerei" bezeichnet. Dann drei Jahre Bildhauerschule in
Garmisch-Partenkirchen. Dort arbeitet er in Holz und erfährt, die"Länge eines Prozesses auszuhalten.
Die Beziehung zum Material erweist sich- wie für viele Bildhauer- als Kampf. Am Ende steht die Erfahrung:
"Holz ist es nicht." Holz erfordert viele vorher zu treffende Entscheidungen und Festlegungen. Dies entspricht nicht
seiner Freude am Spielerischen, an spontanen Abläufen im künstlerischen Prozess.
Schon vor und während seines Philosophiestudiums beschäftigt sich Uli Schweiger mit Aktzeichnung. Hier ist es nicht
die Anatomie des Körpers, die fasziniert, sondern die Wirkung von Bewegung und Dynamik.
Diese erfährt der Bildhauer im Raum


Die eigenen Erfahrungen, Fertigkeiten, Ideen in eine ausdrucksvolle Form zu überführen, geht nur über den mühevollen
Prozess des Findens und Er-findens. An dessen Ende stehen nun Uli Schweigers Raumfiguren voll Bewegung und Dynamik
- einen kleinen Eindruck gewinnen Sie hier in der kleinen Ausstellung. Das Material ist paradoxer Weise Eisen,
statisch unflexibel, das sich dem direkten Zugriff, wie es das Holz erlaubt, hartnäckig verweigert. Diese sichtbaren
Eigenschaften des Eisens in ihr Gegenteil zu verkehren, gehört zu den Herausforderungen, die Uli Schweiger auf
überraschende Weise meistert. Werfen Sie dazu mit mir einen kleinen Blick in seine Werkstatt und begleiten Sie den
Werdegang einer Raumfigur.


Am Anfang steht die kleine Umrisszeichnung einer Figur. Sie hat Bestand, wenn die erste Linie unverrückbar auf dem
Papier steht. Erst dann wird sie ausgeschnitten und tut ihren ersten Schritt von der zweidimensionalen in eine
dreidimensionale Welt, der Umriss wird räumlich. Sich ganz dem Spielerischen überlassend gilt es nun, so beschreibt
Ulrich Schweiger diesen Vorgang, "eine neue Figur zu entdecken, die ich mir vorher nicht vorstellen konnte".
Das Papier erweist sich hier in seiner Elastizität als überaus dienstbares Material. Alles anatomisch Vorstellbare wird aber
ins Paradoxe geführt, ins anatomisch Unmögliche. So erreicht die Figur einen anderen Seinszustand, der sie aus unserer
realen Welt rückt. Ein Gegenentwurf entsteht zu unserer Erdenschwere, zum Stillstand, zur Erwartbarkeit.
Bereits in diesem Modell lebt die spätere Figur ihre Schwerelosigkeit, ihre Dynamik, den Zauber Ihrer träumerischen,
von allen Zwecken freien Existenz. Irgenwann ist dann die stimmige Haltung gefunden. So werden wir später beim
Betrachten der Figur mit ganz neuen Raumerfahrungen konfrontiert, wir genießen die Wirkung dieser unerhörten
Leichtigkeit des Seins und den Humor, der in ihr steckt. Und wir werden über das Geheimnis dieser anderen und der eigenen
Existenz ins Grübeln kommen. Das meint Uli Schweiger wohl mit dem Satz, Bildhauerei sei die andere Seite der Philosophie.
Bevor ich mich aber im üblichen Kunstjargon "zwischen lyrischem Ansingen und bizarrer Parawissenschaft" bewege,
wie es einmal Ästhetikprofessor Christian Demand spitz formulierte, nochmals zurück zum sachlichen Prozess der Entstehung.


Die im Paradies der Phantasie entstandene Papierfigur wird über verschiedene Verfahren, die allerdings in der Hexenküche
des Meisters bleiben sollen, in einem "Vorgang des Modellierens" in andere Materialstärken aus Eisen übertragen und mit
technischen Hilfsmitteln ausgeschnitten. Es steht nun in der gewünschten Größe der Figur ein "Rohling" in der Werkstatt,
vergleichbar der ausgeschnittenen Papierfigur. Jetzt beginnt ein zweiter Schöpfungsprozess, dieses mal in höchst
widerständigem Material. Mit Feuer, Zange und anderen Folterwerkzeugen rückt der Bildhauer nun mit seinen
Körperkräften dem "Rohling" zu Leibe und formt ihn gleich dem Papiermodell zur bewegten Figur im Raum. Schließlich
wird in einem weiteren Arbeitsvorgang über chemische Prozesse die Patina aus Rost gewonnen, übrigens eine höchst
empfindliche "natürliche" Oberfläche. Keine Figur wird am Ende der anderen gleichen, jede ensteht im Modell aus dem Spiel
des Augenblicks. Gegenläufig ist der Prozess bei Ulrich Schweigers wunderbaren Graustufendrucken, die ebenfalls das
Figurenspiel thematisieren. Hier wird die Dreidimensionalität, das Spiel der Illusionen beibehaltend, wieder in die
Zweidimensionalität zurückgeführt.


Die Raumfiguren aus Eisen und auf Bütten sind bemerkenswerte Wegmarken des künstlerischen Schaffens von Ulrich Schweiger. "Das ganze Geheimnis des Gelingens liegt darin, den Weg als Ziel zu erfahren", sagte Helmut Ammann.
Als ich Uli fragte, wie man auf diesem Weg als Bildhauer überlebt, gab er mir zur Antwort:"Durch Beharrlichkeit und
Genügsamkeit". Beharrlichkeit ist der Weg, Genügsamkeit die Wegzehrung. Ich freue mich, daß die ungewöhnlichen
Arbeiten von Ulrich Schweiger nun die gebührende Anerkennung finden.


Preise, meine Damen und Herren, haben die Tendenz, sich wie S-Bahnen zu verhalten. Sie kommen entweder zu spät
oder gar nicht. Der Gautinger Kulturpreis kommt zum richtigen Zeitpunkt.
Ich danke Ihnen

Erich Kasberger